Alfred Sohn-Rethels Analysen der deutschen Wirtschaftspolitik im Übergang zum Nazifaschismus und Harun Farockis Film ›Zwischen zwei Kriegen‹

Donnerstag, 18. Februar 2016, 19:30 Uhr, DJäzz Duisburg, Börsenstraße 10
Eintritt frei

Jens Peters (Antifa D-Day Duisburg)
Einleitender Vortrag & Film & Diskussion

Zum Buch

Sohn-Rethels (1899-1990) Wunsch nach einer akademischen Karriere im Anschluss an seine Promotion 1928 (siehe Band 1 der Werkausgabe Von der Analytik des Wirtschaftens zur Theorie der Volkswirtschaft) ging nicht in Erfüllung. Weder gelang es ihm, im Bereich der Nationalökonomie unterzukommen, noch fand er mit seinen philosophischen Entwürfen (siehe Band 3, erscheint 2016) Anschluss an das Frankfurter Institut für Sozialforschung.
Vermittelt durch seinen Ziehvater, den Großindustriellen Ernst Poensgen, erhielt er dann aber 1931 eine Stelle beim Mitteleuropäischen Wirtschaftstag (MWT) in Berlin, wo er Gelegenheit hatte, die Strategien des Großkapitals in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus aus der Nähe zu untersuchen.
Band 2 umfasst die in dieser Zeit entstandenen Analysen, die vor allem im Deutschen Volkswirt und den Deutschen Führerbriefen veröffentlicht wurden. Ergänzt werden sie durch die Texte, mit denen Sohn-Rethel nach 1937 den Kontakt zu dem englischen Politiker und Journalisten Wickham Steed herstellte.
Erst 1973 hatte Sohn-Rethel dann Gelegenheit, einen Teil dieser Aufzeichnungen unter dem Titel Ökonomie und Klassenstruktur des deutschen Faschismus zu veröffentlichen. Sie stehen in der Fassung der revidierten Ausgabe von 1992 unter dem Titel Industrie und Nationalsozialismus im Mittelpunkt von Band 2.
Sie werden durch unveröffentlichte Texte aus den 1930er Jahren und Veröffentlichungen aus der Nachkriegszeit ergänzt, die sich der Wirtschaftspolitik im »Dritten Reich« widmen.

Zum Film

Nach siebenjähriger Arbeit, im Sommer 1978, stellt Harun Farocki (1944 – 2014) Zwischen zwei Kriegen fertig, »eine Eigenproduktion aus Mitteln der Beteiligten« (H. F.). Uraufgeführt wurde der Film im Rahmen der Duisburger Filmtage 1978.
»Der diskursive, essayistische Spielfilm wird zu einer Untersuchung der ökonomischen Ursachen des Faschismus und der selbstzerstörerischen Kräfte des auf größtmögliche Effizienz angelegten Kapitalismus. Der Film … kann bei allen erzählerischen Anteilen ebenso gut als die Verfilmung einer Theorie des Soziologen Alfred Sohn-Rethel verstanden werden« (Volker Pantenburg: Film als Theorie. Bildforschung bei Harun Farocki und Jean-Luc Godard, Bielefeld 2006).
»Es geht darum, wie in der durchaus nicht geradlinig verlaufenden Rationalisierung von Kohle- und Stahlindustrie nach dem ersten Weltkrieg über die Innovation des Verbundes von Gichtgas und Kokereigas ein industrieller Kreislauf hergestellt wurde, der so krisenanfällig wurde, dass Hitlers Versprechen von neuen Märkten durch Krieg und Kriegsproduktion direkt zum Nationalsozialismus führte« (aus Madeleine Bernstorffs eigens für das vorliegende Buch geschriebenem Essay).

Zum einführenden Vortrag

Buch und Film sind nicht nur von historischem Interesse, wenn mensch sich vergegenwärtigt, daß die Konzepte und Strategien der deutschen Industrie für den NS auf keynesianischer Basis entwickelt wurden.
Heute wird auch von vielen reformistischen Linken eine Rückkehr zum Keynesianismus propagiert, die illusionär ist, da es sich um eine Kriegs- und Nachkriegsökonomie handelt (Krieg und Zerstörung als öffentlicher Konsum), deren Möglichkeiten Anfang der 70er Jahre erschöpft waren und von neoliberalen Strategien / Ideologien abgelöst wurden. Zudem stellt sich die Frage, ob zwischen Neoliberalismus und Keynesianismus überhaupt eine klare Trennung möglich ist (Reagans Rüstungs-Keynesianismus). Anfällig für »Querfronten« sind deutsche Keynesianer allemal (siehe z.B. den kritischen Artikel von Thomas Ebermann in ›Konkret‹ 1/16).

These: Abwrackprämie ökonomisch gesehen = Vor-Krieg !!! … … …

Alfred Sohn-Rethel:
Die deutsche Wirtschaftspolitik im Übergang zum Nazifaschismus
Analysen 1932-1948 und ergänzende Texte

Herausgegeben von Carl Freytag und Oliver Schlaudt
Mit Beiträgen von Harun Farocki und Madeleine Bernstorff sowie dem Film ›Zwischen zwei Kriegen‹ von Harun Farocki
Ca ira-Verlag, Freiburg 2015
512 Seiten, 26 €
ISBN: 978-3-86259-120-6

Eine Veranstaltung der Antifa D-Day Duisburg
in Kooperation mit dem Bildungswerk der Ruhrwerkstatt

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