Interview mit Sören Pünjer | von Harry Bairfor

Das folgende Interview führte Harry Bairfor im Anschluß an die Veranstaltung “Antifa und Massenansatz – Vom Antifaschismus zur Antiglobalisierungsbewegung” der Antifa Duisburg mit Sören Pünjer von der Redaktion Bahamas.

HB: Einen Vortrag mit gleichem Titel hast du ja bereits im Oktober in Köln gehalten. Schon die Ankündigung führte zu großer Aufregung innerhalb der Antifa-Szene. Auf die Veranstaltung wurden zwei Anschläge mit Kuhscheiße verübt und sie wurde massiv durch die Antifa K gestört. Warum reagiert ein Teil der Antifa so aufgeregt auf Deine Kritik?
1991, als Gremliza noch zu denen gehörte, die sich nicht im Wettbewerb um die korrekteste Israel- und Amerikakritik befinden, sondern zu den wenigen, die sich aus genau diesem linkem Müll herauszuwühlen trachten, meinte er in seinem Blatt, es ginge ihm darum zu ergründen, “wie die Kuhscheiße aufs Dach gekommen ist.” Der Antifa in Köln geht es genau darum nicht und deshalb wirft sie lieber selbst mit Kuhscheiße. Wie dem Gros der Antifa fällt den Kölner Jungs und Mädels zum Thema regelmäßig nicht mehr ein, als antideutsche Kritik `rechten Mist´ zu schimpfen, wie es in einem eigens verfaßten Bekennerschreiben zu den Anschlägen heißt. Antifaschismus, das bedeutet für die Antifa-Szene immer nur, man müsse im Zweifel links gegen rechts verteidigen. Und weil im Zweifel die SPD und die Grünen linker sind als die CDU oder die FDP kam man eben im Jahr 2000 endgültig in der Berliner Republik an. Die verheerende jahrelange Antifa-Bündnispolitik gegen Rechts mündete dann buchstäblich in einem Antifa-Bündnis für Deutschland. Ich meine also, die Antifa-Szene leugnet die historische Wahrheit über den Nationalsozialismus und seinen Rechtsnachfolger, daß die NS-Ideolgie mitnichten nur eine rechte Angelegenheit ist, sondern in gleicher Weise eine linke. HB: In deinem Vortrag beschreibst du eine antifaschistische Berliner Republik. Beispielhaft führst du an, daß der Jugoslawienkrieg von deutscher Seite begründet wurde mit der These: “Auschwitz dürfe sich in Jugoslawien nicht wiederholen.” Kannst du das vertiefen?
Die Frage ist doch, ob Schröder, Schily, Fischer, Trittin, Künast und wie sie alle heißen, Verrat an ihrer einstigen Antifa-Gesinnung begangen haben oder ob sie zu Recht eine ungebrochene Kontinuität in Sachen Antifaschismus für sich reklamieren können. Ich meine, der Nachweis einer Abkehr vom linken Antifaschismus kann anhand jeder einzelnen Biografie nicht erbracht werden. Deshalb hat ein Fischer eben kein instrumentelles Verhältnis zu seinem Diktum, daß man nicht trotz, sondern wegen Auschwitz Jugoslawien zerschlagen mußte. Das heißt, er meint das so ernst, wie er den linken 68er Antifaschismus verinnerlicht hat: daß nämlich Milosevic genauso Hitlers Wiedergänger wäre wie die Israelis im Bezug auf die Palästinenser Faschisten, die Amerikaner bezüglich der Black Power-Bewegung bzw. Vietnam und überhaupt der Imperialismus hinsichtlich antikolonialer 3. Welt-Bewegungen eine einzige eurozentristische Vernichtungsorgie sei.
HB: In der Diskussion wurde deine Aussage zu den Vertriebenenverbänden, als einem Teil der antifaschistischen Berliner Republik, kritisiert. Herausgestellt wurde, daß diese nach wie vor einen “völkischen Kern” haben, zum Beispiel in Gestalt des Witikobundes der Sudetendeutschen Landsmannschaft.
Es ist ja gerade das Dilemma der Antifa-Szene, nicht zu verstehen, daß sich antifaschistische Berliner Republik und völkischer Kern gar nicht ausschließen. Was im Zusammenhang mit der Diskussion über das “Zentrum gegen Vertreibungen” passiert, ist ein ähnlicher Akt von Verstaatlichung der Vertriebenenverbände wie im Jahre 2000 der der Antifa. Das heißt, die Vetriebenenverbände büßen definitiv sukzessive ihr jahrzehntelanges außerstaatliches Monopol auf die Vertreibungsfrage ein. Diese wird im Zuge der Verstaatlichung, die gerade unter Rot-Grün zugleich eine Vervolkstümlichung darstellt, als ewiggestrige gebrandmarkt, wenn sie weiterhin auf Revanche beharrt. Denn statt einer Revanche für Vertreibungen gilt es nun, antifaschistische Vorteile für die deutsche Stellung in Europa aus den Vertreibungen zu ziehen. So etwas wie der Witikobund ist also zum Anachronismus geworden, denn der sogenannte deutsche Revanchismus hat ausgedient. Einer der Hauptverantwortlichen für das Zentrum gegen Vertreibungen, der Sozialdemokrat Peter Glotz zum Beispiel, ist bekennender Anti-Nationalist. Und auch Erika Steinbach, die Chefin des Bundes der Vetriebenen, betont immer wieder, daß die Vertreibungen der sogenannten Volksdeutschen einzig und allein Resultat der deutschen Politik waren.
HB: Die Antifa der 80er und 90er Jahre gibt es nicht mehr. Sie ist gespalten in einen antiimperialistischen Teil, der deutsche Bestrebungen ideologisch von links flankiert und dabei Bündnisse nicht einmal mit Islamisten scheut. In einen antideutschen Teil und einen Rest, der selbst nach dem sogenannten Antifa-Sommer, in dem Deutschland von der Regierung bis zur Bildzeitung den Stiefelnazis den Kampf ansagte, so weiter macht wie zuvor. Gibt es die Antifa in absehbarer Zeit noch und wenn ja, unter welchen Bedingungen?
Es ist schon lustig, mit ausreichend notwendigem Zynismus kann man sagen: die organisierte deutsche Naziszene, insbesondere die sogenannten Freien Kameradschaften, betätigen sich als nützliche Idioten antideutscher Kritik. Wenn zum Beispiel in der Bahamas steht, die Nazis verstehen sich als Internationalisten, denen ein Hoch auf die internationale Solidarität längst Herzenssache geworden ist und die sich von Linken längst nicht mehr unterscheiden ließen, dann braucht man gar nicht lange zu warten, bis irgendein Recherche-Antifa verblüfft berichtet, daß er auf einer x-beliebigen Nazidemo ständig die Parole “Hoch die internationale Solidarität” vernommen hat und die Nazis über Lautsprecher kund taten, sie seien Internationalisten, denen auch die rote Fahne als Symbol diene. Was die Zukunft der Antifa der 80er und 90er betrifft, arbeitet die Zeit für uns, für die antideutsche Kritik. Denn die traditionellen Nazis sind längst von links Getriebene, deren Halbwertzeit sich immer mehr verkürzt. Deshalb werden übliche Anti-Nazi-Demos immer lächerlicher und überflüssiger. Seien wir doch ehrlich, Rassismus, der wirklich noch Rassismus genannt werden kann, also nicht die Verrücktheiten der Antira-Szene, die jede staatliche Regulierung von Zuwanderung als Rassismus geißelt, oder jeden, der das Wort Neger in den Mund nimmt, standrechtlich zusammenschlagen will, hat doch nicht wirklich eine Zukunft. Die Zukunft gehört der Ideologie des Antirassismus als menschenverachtendem globalem Massenbewußtsein, also als Fusion aus Multikulturalismus und Ethnopluralismus, zusammengehalten von einem politisch korrekten Antisemitismus. Wer das nicht sehen will, ist taub, blind und Teil des Problems. Gerade das aber bedeutet, es bedarf zwingend einer Antifa auf der Höhe der Zeit, die sich der objektiven Wirklichkeit stellt und sich vom Zustand der Weltgesellschaft genötigt sieht, eine unbedingte Solidarität mit Israel genauso auf die Tagesordnung zu setzen wie die Unterstützung der gegenwärtigen amerikanischen Außenpolitik.
HB: Viele Jahre wurde großspurig die Parole ausgegeben, Antifa hieße Angriff. Du sagst, Antifa heißt Verteidigung. Warum?
Die Frage beantwortet sich nur darüber, ob man versteht, daß das Festhalten an der liberalen Idee von bürgerlicher Individualität gerade im Sinne der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer/Adorno das bisher einzig historisch verbürgte Gegengift gegen kollektiven Zwang ist. Und man komme mir jetzt bitte nicht mit dem Vulgarismus, daß die bürgerliche Ideologie ja notwendig ihr Gegenteil erzeuge und man deshalb auch antiliberal und antibürgerlich sein müsse. Denn genau das ist ja das Problem: die Parole “Antifa heißt Angriff” steht genau dafür, antiliberale und antibürgerliche Ressentiments zu schüren, also für genau jenen statischen Zustand, auf den seit Jahrzehnten die gesellschaftliche Dynamik das Subjekt regredieren läßt. Wenn man sich aber ernsthaft über konkrete Bedingungen zur Verhinderung von autoritären Gesellschaftsformen Gedanken macht, kommt man nicht um die Erkenntnis herum, daß die Stärkung der Resistenzkraft des Einzelnen nur über die Rettung der letzten Residuen von Privatheit und Autonomie des Einzelnen vor dem gesellschaftlichen Zugriff zu haben ist. Genau das meint die Floskel, daß Antifa nicht Angriff, sondern Verteidigung bedeutet. Noch konkreter: In der Antifa-Szene trägt man gerne T-Shirts mit der Aufschrift “Stalingrad `43″, weil man die Rote Armee für ausgesprochen antifaschistisch hält. Auf die Idee aber, daß man T-Shirts mit dem Aufdruck “D-Day `44″ in Umlauf bringt, kommt man gar nicht erst, weil man den Westalliierten schlicht und ergreifend den Antifaschismus abspricht. Die befreiten Häftlinge von Buchenwald waren da einstmals weiter. Die haben nämlich in ihrem berühmten Schwur von Buchenwald den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt als “den großen Freund aller Antifaschisten” bezeichnet. Aber davon will man in den meisten Antifa-Kreisen lieber nichts wissen. HB: Die Linke will immer noch “die Massen” mobilisieren und agitieren. Wieso zählt den Linken der Individualismus so wenig?
Ganz einfach, weil sie Linke sind und keine Kommunisten. Denn links und kommunistisch schließen sich nach Marx und Adorno weitgehend aus. Links ist eine politische, also reinweg staatliche Kategorie und wer sich ihrer bedient, hat keine Chance auf die richtige materialistische Staatskritik. Die Linke ist deutsch. Und deutsch sein heißt, daß das Eigeninteresse in jedem Fall hinter das Allgemeininteresse zurückzustellen ist. Der linke Begriff von der Freiheit des Einzelnen vermittelt sich über den des Massenbewußtseins. Und Massenbewußtsein bedeutet nichts anderes als Abtötung von Selbst-Bewußtsein, also von Widerstandskraft und Reflexionsvermögen im Individuum. Damit erlöscht zugleich die individuelle Fähigkeit zum freiwilligen Zusammenschluß und damit die Grundbedingung für den Verein freier Menschen. Deshalb ist die weltweit agierende Linke mittlerweile auch neben den Islamisten zum größten Feind des Kommunismus avanciert.

Harry Bairfor

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